Seit drei Jahren, seit dem Tod Berthas, hatte sich Heinrich von Angeli nach der morgendlichen Toilette zur Gewohnheit gemacht, in einem eleganten Schlafrock, den er bei seinem vorletzten Aufenthalt in London in einem Geschäft in der Jermyn Street gekauft hatte, in die Küche zu kommen, um hier sein Frühstück einzunehmen. Die halbe, dreiviertel Stunde und das Plaudern mit Frau Gröschl behagten ihm und die Lektüre des Tagblatts, längst vom Herr Kofranek heraufgebracht, konnte warten. Die Küche war ein eher nüchterner Raum, wurde aber durch die leichte Konversation, die er mit seiner Haushälterin führte, recht gemütlich.

„Heute, um zehn Uhr, kriegen Sie ja Besuch, Herr Professor.“

„Stimmt. Da kommt ein sehr interessanter Herr, ein Musikus: Carl Lafite.“

Frau Gröschl servierte eine Schale Kaffee, Milch und Zucker, und fragte:„Ist etwas vorzubereiten?“

„Nein, nein. Er wird auch nicht lang bleiben.“

Nach dem ersten Schluck stellte Angeli befriedigt fest: „Köstlich! Der Kaffee kommt immer mehr auf Vorkriegsniveau. Ich frag’ mich, wo Sie die Bohnen auftreiben. Das kann nicht ganz einfach sein, oder?“

„Ich hab’ so meine Beziehungen, Herr Professor“ schmunzelte sie.

„Unten, am Naschmarkt, da gibt’s ja vieles. Nur muss man aufpassen, dass sie einen nicht übers Ohr hau’n.“

Sie reichte in einem Brotkörberl zwei Semmeln, dazu Margarine, ein paar Scheiben Emmentaler und ein pochiertes Ei, wie beinah an jedem Morgen. Sosehr diese legere Frühstückszeremonie in der Küche längst Usus war, empfand sie Frau Gröschl immer noch wie eine Auszeichnung, als einen Ausdruck seiner Zufriedenheit mit ihr und ihrer Arbeit. Es machte sie regelrecht glücklich.

„Gestern“, sagte Angeli, „hab’ ich Post aus Gmunden bekommen. Die Cumberlands sind mit jedem Termin einverstanden und überlassen es ganz mir, ob ich auf zwei oder für drei Wochen bleib’. Ich würd’ ganz gern um den 5. August hinausfahren. Passt das auch für Sie, Frau Gröschl?“

„Herr Professor, Sie wissen, mir ist alles recht. Wenn Sie mich, so wie in den letzten Jahren, in Gmunden nicht brauchen, dann bin ich in der Zeit wieder bei meinen Leuten in Ebensee.“

„Ich nehm an, dort sind Sie gern. Stimmt’s?“

„Oh ja! Meine Nichte hat sieben Kinder, von denen mir die vier Kleinen sehr zugeh’n. Die freu’n sich, wenn ich komm’.“

„Das kann ich mir vorstellen. Da muss’ Ihnen manchmal, denk’ ich mir, schwer ums Herz sein, dass Sie selber keine Kinder haben.“

Frau Gröschl, die sich in ihrer bescheidenen Art zum Küchentisch gesetzt hatte, legte ihre Hände in den Schoß und sagte: „Ich bin, ehrlich gesagt, ganz zufrieden so wie’s ist und wie’s halt nicht anders hat sein sollen. Und seh’ natürlich auch, was man mit Kindern für Sorgen hat, wie sie durchbringen, wenn die Zeiten so unsicher sind. Ich hab’ ja noch zwei Schwestern, denen ihre Männer sind im Krieg blieb’n, die ham’s wirklich schwer.“

„Leben die auch in Ebensee?“

Die Haushälterin, mit ernstem Gesicht: „Die eine, die Maridie, die Mittlere von uns, hat sich nach Berlin verheiratet. Ihr Mann war ein Deutscher, der ist in Belgien gefallen. Da sind keine Kinder da, und da muss man eigentlich sagen: Gott sei Dank!“

„Und die andere?“

„Die Gretl, die ist um zehn Jahr jünger als ich und lebt in Traunkirchen. Der ihr Mann hat natürlich auch einrücken müssen, war aber kein einfacher Soldat, sondern ein Offizier, ein Rittmeister von den Ulanen, wie’s geheißen hat. Der ist gleich am Anfang vom Krieg von den Russen gefangen word’n und die ham ihn nach Sibirien verschleppt. Vor fünf Jahren hat sie von seinen Kriegskameraden Nachricht kriegt, dass er aus dem Kriegsgefangenenlager geflüchtet ist, aber die Russen ham ihn wieder eing’fangen. Danach und seither hat man von ihm nie wieder nichts mehr g’hört.“

Worauf Angeli fragte: „Und da sind Kinder da?“

„Ja, sogar drei, und liebe Buam, die alle drei dem Vater, der ein fescher Mann war, ähnlich schau’n soll’n. Gott sei Dank sind die Eltern von dem armen Vermissten sehr vermögend, und so hat’s die Gretl mit den Kindern dort gut. Nur fehlt halt den Buben der Vater.“

„Wer sind die Schwiegereltern?“, wollte Angeli wissen.

„Sie heißen Meynenburg und haben eine Villa am Traunsee, zwischen Altmünster und Traunkirchen.“

„Ah! Die Familie kenne ich“ sagte Angeli. „Einen Baron Meynenburg hab’ ich sogar vor x Jahren porträtiert, in Wien, lang vorm Krieg. Es stimmt, wie Sie sagen, das sind vermögende Industrielle. Wenn ihnen jetzt nicht alles verloren gegangen ist, dann wird für die Schwiegertochter und die drei Enkerl gesorgt sein.“

Frau Gröschl nickte: „Das glaub’ ich auch. Und, weiß Gott, vielleicht bleibt die Gretl auch gar nicht allein. Sie ist immer noch eine sehr fesche Person. Da könnt’ sich womöglich noch einmal was ergeben.“

„Wenn ich im August in Gmunden bin, werd’ ich mich einmal erkundigen, wie’s um die Meynenburg steht. Dort im Salzkammergut kennt man sich ja. Das bring’ ich heraus.“

Der Besucher kam pünktlich um zehn Uhr und wurde von Angeli mit den Worten begrüßt: „Mein lieber Grande Maestro! Buon giorno!“

Carl Lafite, ein sehr gut aussehender Fünfziger, lachte und war, so wie bei bisher jeder Begegnung, sogleich eingefangen von der Liebenswürdigkeit des Malers. Er wurde in den Salon geleitet und gefragt, ob ihm eine Erfrischung an diesem warmen Sommertag angenehm wäre. Man nahm Platz in den Fauteuils nahe den großen Fenstern und begann eine anregende Plauderei, bis Angeli fragte:

„Ich las dieser Tage in meinem Leibblatt, dass unser ehrwürdiger Gesang Verein über Land gefahren ist und eine große Bruckner-Reise

absolviert hat, die überall begeistert aufgenommen wurde. Bin ich richtig informiert?“

Carl Lafite nickte: „Ja, wir haben viel Erfolg gehabt. Ob wir unser Ziel, nämlich zu einer besseren Stimmung im Land beizutragen, erreicht haben? Ich denke schon, wenn’s auch nicht sehr viele Stationen waren. Jedenfalls, wo wir gespielt und gesungen haben, kam erkennbar Freude auf.“

„Und Sie waren sozusagen der Impresario des Unternehmens.“

Lafite schüttelte den Kopf: „Nein, nein. Ich

war nur einer der Ausführenden, meistens am Klavier oder, wenn wir in einer Kirche gesungen haben, an der Orgel.“

„Na,  jedenfalls  wurden  Sie  im  Bericht  hervorgehoben  und  als ‚moderner Romantiker am Klavier‘ tituliert. Schade, dass ich meinen Flügel weggegeben habe, wir könnten sonst auf die G’schwinde dem Schubert seine Forelle schwimmen lassen.“

Darauf Lafite: „Das wär’ fein! Wie in alten Zeiten.“

„Aber nein, nur ein G’spaß! Meine Stimme ist längst schon hinüber.“ Das wollte der Gast nicht akzeptieren: „‚Glaub’ ich nicht, sie mag vielleicht – „

„ – nix da“, unterbrach ihn Angeli. „aus und vorbei.“

Nun griff Lafite nach einem etwas größeren Umschlag, den er mitgebracht hatte.

„Warum ich Sie gebeten habe, kommen zu dürfen, hat einen, ein wenig seltsamen Grund, der Sie überraschen wird.“

Er befreite ein ungerahmtes Bild von der schützenden Papierhülle, gemalt auf Karton in kleinem Format, zeigte Angeli vorerst aber nur die Rückseite, um weiter auszuführen:

„Das hier ist ein Bild, das aufgetaucht ist, als ich kürzlich in unserem Haus in der Kleinen Sperlgasse nach den unvermeidlichen Einquartierungen aufzuräumen begann und mir auch den Dachboden vornahm. Mein Vater hat viele Bilder hinterlassen, darunter manche nicht fertiggemalt, andere womöglich vergessen. Zu Letzteren zählt dieses kleine Gemälde. Warum ich es Ihnen bringe, das geht aus dem rückseitigen Klebezettel hervor.“

Er zeigte mit dem Finger auf ein kleines Stück Papier und Angeli las das darauf Geschriebene vor: „Für Freund Heinrich von Angeli. Ischl, Sommer 1872“ . Nun drehte Lafite den Karton um.

„Na, so was!“, entfuhr es Angeli. „So eine hübsche Ansicht! Und mir hat er sie gewidmet, Ihr lieber Herr Papa. Was für ein reizendes Andenken, wenn ich’s behalten darf!“

„Ja freilich, es gehört Ihnen ja eigentlich schon längst. Seit einem halben Jahrhundert!“

Angeli war merklich gerührt und vertiefte sich in das Bild.

„Sie machen mir eine ganz, ganz große Freude. Allein die Erinnerungen an Ihren Herrn Vater, die Sie in mir wachrufen, ist mir kostbar. Ehrlich gesagt, ich hab’ lang nicht mehr an ihn gedacht. Dabei war er für mich in den ersten Jahren, als ich von München nach Wien zurückkehrte, wie ein großer Bruder, um einiges älter als ich, der mich an der Hand genommen hat und in die Genossenschaft der bildenden Künste einführte. Er und sein Bruder Ernst waren unendlich hilfsbereit und haben mich jungen Tupfer den Kinskys in Hermannstädtel in Böhmen empfohlen. Der Carl war bei denen Zeichenlehrer für die Kinder und ich hab’ die ganze Familie zu porträtieren gehabt. Dazumal haben wir uns befreundet.“

Lafite fragte: „Können Sie sich denken, warum er Ihnen ausgerechnet dieses Bild gewidmet hat? Sagt Ihnen das Motiv etwas?“

„Oh ja, natürlich. Das ist das Gasthaus Gosaumühl und der Gosauzwang, vom Hallstättersee aus. Ganz im Lafite-Stil, sehr hübsch und stimmig, auch topografisch genau gemalt, ähnlich wie vom Franz Steinfeld. Auf der Brücke mit den hohen Pfeilern, im Hintergrund, sind wir einmal gemeinsam gestanden, weil sie zum sogenannten Soleweg gehört, unter dem die Salzlauge in Röhren von Hallstatt nach Ebensee fließt. Lassen Sie mich nachdenken, wann das war: Wir waren ein paar Mal in Ischl auf Sommerfrische, so wie Ihre Eltern. Auf der Wanderung auf diesem Soleweg ist damals aber nur meine Frau, nicht auch Helene, Ihre Frau Mama, mitgegangen, weil sie, soweit ich mich erinnere, schwanger war.“

„Ich bin ein 72er Jahrgang.“

„Na, da haben wir’s!“, rief Angeli aus. „Weil eben Sie, lieber Herr Lafite, grad unterwegs waren, konnte Ihre Frau Mama nicht mit uns unterwegs sein! Wie sich das alles herrlich reimt! Bertha und ich hatten damals noch keine Kinder, weshalb wir gemeinsam solche Touren unternahmen. Vom Wandern begeistert war meine Frau nie sonderlich, ganz anders als Ihre Mutter, die als eine, für damalige Verhältnisse, sehr sportliche Frau gegolten hat und sogar strenge Bergtouren mit ihrem Mann unternommen hat.

Übrigens, erinnere ich mich, hat’s in dieser Gosaumühl ein Jahr später, im Sommer 1873, einen großen Auflauf gegeben. Unser Franz Joseph hat den Preußen Wilhelm, der wegen der Weltausstellung nach Wien gekommen ist, zu einem Ausflug nach Hallstatt eingeladen. Die hohen Herren haben sich danach in einem

Traunerl bis zur Gosaumühl rudern lassen und wurden dort gehörig bejubelt. Den Preußen hat der Transport der Sole in den Holzröhren eminent interessiert.“

Und er setzte fort:

„Ob Sie das wissen, lieber Herr Lafite, dass mich Ihr Vater gedrängt hat, im Jahr 1869 Vorstand der Künstlergenossenschaft zu werden? Ich war noch keine dreißig Jahr alt und hab’ keinen Schimmer gehabt, was mit dieser ehrenvollen Funktion alles auf mich zukommen wird. Aber mit seinem Vertrauen in mich und ein bissl Courage meinerseits ist es gut gegangen. Carl und Ernst Lafite zählten als Gründerväter der Genossenschaft selbstverständlich

zu den ersten Honoratioren im Haus.  Ihre  Namen  prangen  ja immer noch ganz oben auf der marmornen Ehrentafel.“

Lafite darauf: „Möglicherweise wollt’ Ihnen mein Papa für Ihre Mitarbeit in den ersten Jahren der Gesellschaft im Neuen Haus mit diesem kleinen Gemälde danken – und dann hat er’s halt vergessen?“

„Das könnt’ sein“, meinte Angeli und erzählte von der Zusammenarbeit mit den Brüdern Lafite, von den ersten Ausstellungen bis hin zum denkwürdigen Jahr 1873, dem Jahr der Weltausstellung.

Dann aber wollte Angeli das Gespräch auf den Besucher lenken.

„Während dieser Jahre ist in der Sperlgasse ein Wunderkind aufgeblüht, haben Sie für Furore gesorgt. Meiner Seel’, ich weiß noch, wie uns Ihre Eltern in einer Mischung aus Stolz und auch ein bissl Sorge sagten, dass Sie für Ihr Alter, sechs oder sieben Jahre, nicht hochsondern höchstmusikalisch wären. Als Schorsch, wie wir Ihren Herrn Papa nannten, mit gedämpfter Stimme, so als wollte er nichts verschreien, mir sagte: ‚Carli hat das absolute Gehör‘, da, geb’ ich zu, war ich beinah’ so was wie neidig. Warum? Weil ich’s auch furchtbar gern gehabt hätte.“

„Nein, Herr von Angeli, das war’ ein ganz unnötiges Bedauern. Sie haben doch eine vorzügliche Stimme gehabt. Einen sicheren, warmen Bariton, hinauf und hinunter, da waren nicht viele, die Ihnen das Wasser reichen konnten. Mir war’s immer die größte Freude, Ihr Klavierbegleiter sein zu dürfen.“

Angeli winkte ab: „Na, das fürcht’ ich, war für Sie, wenn schon keine Plag’, so nur ein sehr mittelmäßiges Vergnügen, selbst nach der Schulung, die ich mir angetan habe. Sie sind ja nicht erst jetzt einer der gefeiertsten Pianisten in ganz Europa, sind anerkannter Komponist, verehrter Chorleiter, Generalsekretär der Musikfreunde, Musikpädagoge, neuerdings auch Kritiker und was weiß ich was noch alles . . . “

„Schon gut, schon gut, bitte nur nicht übertreiben. Erinnern Sie sich an den köstlichen Abend . . .“, und so ging die Konversation weiter.

Die beiden Herren plauderten noch eine ganze Weile, diskutierten das Musikleben der Stadt, ließen sich über die Zwölftöner aus und begeisterten sich an einer neuen Schallplattenaufnahme des Wiener Singvereins, dirigiert von Angelis Gast. Gegen halb zwölf verabschiedete sich Carl Lafite.

Nachdem er gegangen war, zeigte Angeli das kleine Gemälde der Frau Gröschl, die den Gosauzwang und die Gosaumühle sogleich erkannte und selber auch Erinnerungen mit diesem Ort am Hallstättersee verband.

Nach einem Mittagsschläfchen nahm sich Angeli in seiner Bibliothek einen Packen Unterlagen zum Sortieren vor, alles Papiere mit einem Bezug zu seinen Arbeiten in England. Darunter waren eine Anzahl gebündelter Briefe, durchwegs solche, die er an Bertha geschrieben hatte. Briefe von Bertha oder von den Kindern waren nicht darunter, denn bei ihm eingehende Post bewahrte er nicht auf.

Diese Briefe werd’ ich nicht alle nochmals lesen, sagte er sich, um aber dann doch das eine oder anderen Kuvert zu öffnen und die Inhalte zu überfliegen.

Windsor Castle 1. April 1875 Meine geliebte Bertha!

Über das Portrait der Königin und, nicht minder, über das der Prinzessin (die sehr hübsch ist) herrscht hier allgemeine Begeisterung. Ich glaube selbst, dass es gut ist. Bald hast Du, Liebling, eine Fotografie davon. . . .

Dieses Porträt war eine ziemliche Leistung – Angeli musste sich selber loben. Anfangs konnte er schwer abschätzen, ob es ihm gelingen werde, weil er von der Königin, als er ihr vorgestellt wurde, unangenehm überrascht war: klein, keinerlei Figur, ein rotes Gesicht, dicke Finger. Aber er sagte sich, wenn’s der Winterhalter geschafft hat, dann werd’ ich’s wohl auch zusammenbringen.

Angeli betrachtete eine dem Brief beigelegte Fotografie des Gemäldes und musste schmunzeln: das Gesicht ein wenig ‚ovalisiert’ und die Finger dezent versteckt, besser ging’s nicht. Am Hof war man begeistert und die Queen hochzufrieden.

Sodann las er weiter:

. . . Ob Du Liebling die Seekrankheit bekommen wirst, wenn Du über den Kanal fährst? Denn Du kommst doch gewiss! Ich bin Dir ja die Hochzeitsreise noch schuldig.

Schöne Engländerinnen sehe ich noch gar keine. Ich hoffe, im Hydepark deren Pracht bewundern zu können. Werde ich wohl eine sehen, die ich so schön finde, wie Dich, mein Liebling? Eigentlich bin ich doch noch recht verliebt in Dich, ich glaube mehr, wie Du in mich, Du hast es mir ja so oft gesagt, dass Du mich sehr, sehr gern hättest, doch keine Liebe für mich fühltest. Glaubte ich Dir das, müsste ich recht unglücklich sein. Wie oft denke ich an Dich . . .

Bertha ist nie nach England gekommen, auch nicht auf die Krim, nicht einmal nach Berlin oder sonstwohin. Sehr oft auf Kur ja, nach dahin und dorthin, aber reisen mit ihm, nie! Dabei hätt’ er sie so gern vorgestellt, die Schöne an seiner Seite, voll Stolz. Besonders in England. Aber Bertha scheute vor fremder Umgebung zurück und konnte nicht verstehen, wie es ihm gelang, überall so leicht und mit jeder Situation völlig entspannt zurechtzukommen. Die ihr fehlenden Fremdsprachen waren nicht wirklich ein Handicap. Schließlich hat auch er das Englische nicht wirklich beherrscht, nur Französisch und halbwegs Italienisch. Bertha hätte jedenfalls in England wenig Problem gehabt, dort sprach, jedenfalls am Hof, beinah’ jeder Zweite Deutsch.

London, 9. April 1875 Meine geliebte Bertha !

Wie Du aus meiner Schrift siehst, ist meine Hand wieder ganz gut (unberufen). Montag gehe ich mit dem Prinzen von Wales nach Sandringham. Heute 7 Uhr speise ich mit ihm und danach hat er mich ins Theater geladen. Der Prinz von

Wales ist der liebenswürdigste Prinz den es gibt, vielleicht auch gegeben hat, und nicht minder liebenswürdig ist seine sehr schöne Frau. Ich freue mich sehr, ihre Bilder zu malen. Den Sonntag hätte ich in Cumberland Lodge bei Prinzessin von Holstein verbringen sollen.

Der Prinz of Wales war ein ausdrucksstarker Typ, den zu porträtieren Angeli eine Freude war. An ihm und überhaupt an den Windsors hat ihm die Weltoffenheit gefallen, die, wie er fand, den Habsburgern leider hin und hin abging.

Jahre später sollte er einmal ein kleines Porträt des Prinzen malen, das ihm gut von der Hand ging. Das Bild war erst halb fertig, als seine Exzellenz „Genug!“ rief, es stracks von der Staffelei nahm und das Atelier verließ. Angeli hat es nie wieder gesehen. Vermutlich wollte es

der Prinz akkurat in diesem Zustand einer seiner Mätressen verehren. Von denen gab’s ziemlich viele, was aber der Ehe, jedenfalls nach außen hin, nicht geschadet hat.

Übrigens schlug ihm der Prinz vor, ihn auf einer Reise nach Indien zu begleiten. So schmackhaft er’s ihm machen wollte, Angeli lehnte ab und schlug an seiner statt Freund Leopold Müller vor, der damals auch in England war. Der stellte sich dem Prinzen vor, missfiel ihm aber, angeblich wegen seiner nachlässigen Kleidung. Die Engländer hatten eben alle eine Menge Marotten.

Sandringham Kings Lynn, 18. April 1875 Meine geliebte Bertha!

Heute sind es 4 Wochen, dass ich hier bin. Ich habe in dieser Zeit ziemlich viel gemalt und hoffe bestimmt, mit meinen Arbeiten bis zum Juni fertig zu werden. Gegenwärtig halten sich hier alle jene auf, welche den Prinzen nach Indien begleiten.

Diese Reise geht im Herbst vor sich: das Haus ist ziemlich voll und dadurch viel Leben. Das Ballspiel ist mir sehr gesund, ich treibe es täglich 1 Stunde, schwitz fürchterlich und habe davon einen ganz roten Kopf. Meine Hemden werden mir alle zu eng. Gott gebe, dass es nicht auch die Anzüge werden, denn nach einem Kauf habe ich keine Sehnsucht. Was soll ich Dir von hier schreiben? Das Landleben ist wunderschön, doch nicht reich an Abwechslung. Das Wetter ist, seit ich hier bin, herrlich, kein Wind, alles schön grün, die Vögel singen, die Blumen blühen. Wie schön ist es hier gegen das stickige London. Ich werde so ziemlich gewiss, eigentlich ganz gewiss, jährlich auf 3 Monate nach England gehen, doch versteht sich’s von selbst, nicht ohne Dich und die Kinder, an einer Küste irgendwo, es ist überall schön, und die Meeresluft gesund.

Was macht Handy? An Papa und Mama meine Handküsse.

Viele Stüber Dir, mein Liebling, und den schlimmen Buben, schickt Euch Dein treuer Heinrich

Sandringham, wenn er daran dachte, war ihm immer sehr sympathisch. Der Prinz ließ ihm ein kleines Atelier im Schloss einrichten, in dem er ungestört arbeiten konnte. Nach Kings Lynn, wo er logierte, war’s nicht weit und zum Schloss und zurück angenehm zu fahren, immer in einer noblen Kalesche, selbst spätnachts oder frühmorgens. Die oftmaligen

Einladungen zum Dinner, eingangs stets streng nach Etikette im Frack, zogen sich manchmal sehr in die Länge, weil man nach dem Essen die ‚Montur‘ ablegte und leger Karten spielte, an die Billardtische oder zum Kegeln ging, auch Musik machte, leider viel seltener als in Berlin.

Windsor Castle, 14. Mai 1875 Meine geliebte Bertha!

. . . Bevor die Königin gestern Abend nach Balmoral fuhr, ließ sie mir noch ihre Fotografie mit ihrer Unterschrift übergeben. Wie schön der Ring ist, davon kannst Du Dir gar keinen Begriff machen, der Stein wird von Kennern bewundert. Du kannst aber aus diesen Geschenken sehen, wie sehr zufrieden die Königin mit meinen Arbeiten ist.

Ich schreibe Dir, mein Liebling, in der größten Eile, auch benütze ich jeden freien Moment, um Dir ein paar Zeilen zu schreiben, da ich weiß, dass Dich jeder Brief, sei er noch so kurz, erfreut.

Den lieben Kerlen und Dir, meinem allerliebsten Weiberl, schicke ich unzählige Küsse aus dem Riesenschloss Windsor,

Dein treuer Heinrich

Cumberland Lodge, 29. Mai 1875 Meine geliebte Bertha!

Nun bin ich wieder in Cumberland Lodge, wo ich bis übermorgen bleibe, wenn ich das Portrait des Prinzen Christian vollende. Mich macht dieses scheußliche, kalte Wetter, welches hier ist, ganz melancholisch. Ach, könnte ich doch bei Dir zu Hause sein. Wenn ich hier die beiden Buben des Prinzen sehe, so bekomme ich nach den meinen eine ganz große Sehnsucht. Wie glücklich sind die Eltern, die ihre Kinder bei sich habe können.

Heute wollte Madame Haupt mit Gemahl nach Windsor kommen, und ich sollte sie herum führen. Soeben bekam ich ein Telegramm, dass sie des schlechten Wetters wegen morgen erst kommen werden, was mir gar nicht unlieb ist, denn das Herumführen ist gerade keine Leidenschaft von mir.

Nächsten Donnerstag ist ein großer Ball in Buckingham Palace. Ich habe eine Einladung, wozu ich mir irgend ein Hofcostüm machen lassen müsste. Dieses ist mir unbequem, andererseits würde ich ganz gern einen solchen Ball mitmachen. Da sieht man die schönsten Frauen Englands und es gibt davon wirklich eine Masse hier. Ich war noch nicht in dieser Saison im Hydepark, trotzdem er 10 Minuten vom Buckingham Palace ist. Doch höre ich, dass man um die Mittagszeit 1000 Reiterinnen sehen soll. Das Londoner Leben hat etwas ganz gewaltig Großes. Du würdest, mein Liebling, staunen, das zu sehen.

In 8 Tagen werde ich ein Rennen mir ansehen, welches hier in der Nähe abgehalten wird. Ein englisches Rennen muss ich sehen. Baron Schröder, welcher hier ganz nahe eine Besitzung hat, hat mich in seine Loge geladen. Ich habe zu sehen, wie mit der Bahn nach Windsor zu fahren.

Da ich es nicht wieder so bequem habe, will ich diesen Tag opfern.

Was soll ich Dir, mein liebstes Weiberl, noch schreiben? Ich kann Dir nur immer und immer wieder schreiben, dass ich Dich und die Kinder rasend lieb habe und dass ich es wohl bleiben lassen werde, es wie Holbein zu machen, der seine Frau in Deutschland sitzen ließ und sich sein Lebenslang in England vergnügte. Im Gegenteil, ich freue mich so rasend auf Zuhause, dass ich es gar nicht im Stande bin, ausdrucksvoll genug niederzuschreiben.

Lebe Wohl, meine gelbes Herzl, küsse unsere Sprösslinge von ihrem Vater, der Dich viele, viele Male umarmt und küsst, Dein treuer Heinrich

Keine Frage, das Jahr 1875, sein erstes in England, war fraglos das aufregendste. Fortwährend gab’s neue Eindrücke und, getragen vom allerhöchsten Wohlwollen, wurde er rasch in die erste Gesellschaft aufgenommen. Wenn er, wie in diesem Brief erwähnt, an Herren wie den Baron Bruno Schröder dachte, wie elegant, großzügig und weltmännisch der war, mit keiner Spur von Überheblichkeit, was für ein Gentleman!

Sein Verlangen nach Bertha? In den unzähligen Briefen, von denen er nur die wenigsten aufbewahrt hatte, drückte er die Sehnsucht nach ihr wieder und wieder aus. Bei seinem großen Charme wird es an verführerischen Gelegenheiten keinen Mangel gegeben haben, doch scheint er der Lust auf Abenteuer nie oder nie ganz nachgegeben zu haben, um sein Leben lang der geliebten Bertha treu zu bleiben.

London, 9. Juli 1875 Meine geliebte Bertha! Staunst Du über das schöne Pagina, ich hab es mir spendiert. Du kennst meine Schwäche für derartige Dinge. Soeben komme ich von Windsor zurück; es ist halb ein Uhr morgens. Die Königin war ganz

ausnehmend liebenswürdig, schenkte mir ein Buch, darin Auszüge aus ihrem Tagebuch sind, und schrieb hinein „dem Herren von Angeli als Erinnerung an seinen ersten Besuch in England“, dann folgt Unterschrift und Datum. Mister Sahl sagte mir, dies wäre eine ganz seltene Auszeichnung. Prinzessin Beatrice war gar liebenswürdig beim Abschied. Ich bin froh, dass ich nun bald nach Hause komme. Bis auf das Familienbild sind alle Bilder, welche der Königin gehören, abgeliefert. Es ist doch eine rechte Freude, wenn man sich sagen kann, dass man so fleißig war. Alle Bekannten, auch Wenikes, waren recht herzlich beim Abschied. Und die Königin gab mir Aufträge für nächstes Jahr . . .

Windsor Castle, 26. April 1877 Meine geliebte Bertha!

Gestern habe ich hier den ganzen Tag gefaulenzt, heute fange ich zu malen an. Prinz Leopold sitzt mir. Mit dem Portrait des Lord Beaconsfield ist die Königin sehr zufrieden. Das Bild wird hier von allen sehr bewundert wegen der großen Ähnlichkeit; vom Malen verstehen sie ja alle etwas. Nach einem sehr starken Gewitter wurde es am Nachmittag sehr schön, ich ging mit Mister Sahl und noch jemandem 1 1/2 Stunden von Windsor nach Slonek im Ort spazieren. Die Wiesen sind wunderbar grün, die Bäume voll Blätter, die Luft herrlich, wie schön, hätte ich statt den beiden Dich und die Kinder bei mir gehabt.

Der Kopf von Lord Beaconsfield, vormals Benjamin Disraeli, war für ihn d i e Herausforderung, denn so markant er war, er kriegte ihn und das Gesicht lange nicht in

den Griff. Maskenhaft, schier zum Verzweifeln. Jahre später las er in Disraelis Memoiren, dass er im Verlauf der ersten Sitzung halblaut, und natürlich auf Deutsch, sagte: „Der Mann hat eine Maske, der hat gar kein Gesicht!“ Die Annahme, er wird’s nicht verstehen, war falsch. Benjamin Disraeli beherrschte neben Italienisch, Spanisch und dem Französischen auch das Deutsche. Statt aufzufahren oder beleidigt zu sein, lobte er den Maler ob seiner Ehrlichkeit. Und

siehe da, das Bild gelang vortrefflich, was umso wichtiger war, als es Angeli im Auftrag der Queen malte. Der Premierminister stand bei ihr hoch in der Gunst, und nicht von ungefähr: Es war der vielseitige Disraeli, ein Konservativer mit sozialer Ader, der die Proklamation der Königin zur Kaiserin von Indien arrangierte, was wesentlich zur Begründung des Britischen Weltreichs beigetragen hat.

Windsor Castle, 21. März 1885 Meine geliebte Wubennautz,

… Gestern Abend wurde ich wegen meines Honorars befragt. Ich habe samt Reise

  1. Spesen für das Bild der Königin 1300 Guinnes, das sind 16.900 Gulden

verlangt, für das kleine Bildchen der Prinzessin Beatrice 2.000 Gulden, Somit wird mir diese Reise 18.900 Gulden tragen. Vor 20 Jahren hätten wir uns das wohl nicht gedacht.

Heute war Lady Rosebery, eine geborene Rothschild, bei mir, ich malte ihren Schwager Primrose. Sie hätte gar zu gern ein Portrait ihres Mannes und derselbe will sich von niemand außer mir malen lassen. Jetzt geht es nicht, würde sie noch so viel zahlen. Übermorgen gehe ich nachmittags zu ihr nach London, bin neugierig, was abgemacht wird.

Heute in 14 Tagen in Gottes Namen sitze ich schon zu Hause. Wie sehr ich mich darauf freue, kann ich Dir gar nicht sagen. Den 6. April zu Ostern sind wir dann hoffentlich alle vereinigt. Nun, meine gute Stube, lebe wohl …

Beim Überfliegen dieses Briefes erinnerte sich Angeli lebhaft an das Gespräch mit Lady Rosebery, weil er in ihrem Salon in London das von Lord Leighton gemalte Kniestück von ihr sah und gut verstehen konnte, dass ihr Schwager nicht auch noch derart porträtiert werden wollte. Dabei war Leighton kein schlechter Maler, nur halt sehr schwülstig. Er verlangte so horrende Honorare, dass die Queen spöttisch meinte, den können sich nicht einmal die Rothschilds leisten. Aber Lady Rosebery eben doch, dagegen Lord Primerose womöglich nicht, denn aus seinem Porträt ist nichts geworden.

Buckingham Palace, 30. Mai 1893 Meine geliebte Stube!

Als ich gestern abends 9 Uhr aus Brighton hierher zurückkehrte, hatte ich die Freude, einen lieben Brief von Dir vorzufinden, und als ich heute früh im Buckingham Palace ankam, fand ich wieder ein liebes Brieferl von meinem guten

Liebling Arme Stube! Du tust mir so leid, dass Du Hausarrest hast, und dabei gar keine Ansprache, da kann ich mir denken wie langsam Dir die Tage dahin schwinden mögen. Doch hoffentlich bist Du bald wieder frisch, und auch Deine freundliche Hausfrau wieder wohlauf.

Großfürstin Constantin kenne ich sehr gut, sie war einst eine große Schönheit, und hat den schönsten Schmuck in ganz Russland. Sie ist die Schwester der Königin von Hannover und eine sehr liebenswürdige Frau. Allerdings ist es möglich, dass es auch eine junge Großfürstin Constantin gibt.

Nach Brighton fährt man 1 Stunde 20 Minuten, ich liebe diese Fahrt sehr und habe ich ein paar Tage frei, gehe ich wahrscheinlich wieder dahin. Habe, seit ich Wien verlassen habe, keine Zeitung mehr gelesen, so bin ich ganz überrascht, dass Schmerling gestorben ist. …

… Die Prinzessin May kommt immer mit ihrer Mutter. Heute erwarte ich sie, hoffentlich sind die Damen pünktlich. Die Prinzessin ist mir sehr sympathisch, ist groß und schlank, hat ein gut gemachtes weißes Kleid an, hat braune Haare und ist auf meinem Bilde schon ziemlich ähnlich. Sie ist auch hübscher als auf allen ihren Photographien …

Du meine Güte, durchfuhr es Angeli bei der Lektüre dieses Briefes, den er im Frühjahr 1893 an Bertha nach Franzensbad adressierte: Prinzessin May, damals eine junge, hübsche Frau, ist heute Königin von England und Kaiserin von Indien! Ehrlich gesagt, als er den Porträtauftrag bekam, hatte er sich insgeheim gesorgt, ob ihm ihre Mama wohl das Honorar werde zahlen können. Es hat geheißen, die Eltern der noch ganz unschuldigen Prinzessin lebten dermaßen in Saus und Braus, dass ihnen in ganz London niemand mehr Kredit geben wollte. Angeli wusste, dass die Queen eine Vorliebe für Princess May hatte. Wenn es hoffentlich nur ein böses Gerücht ist, von dem er vor ein paar Jahren gelesen hatte, dann leidet Ihre königlich Hoheit an chronischer Kleptomanie! Unglaublich! Na ja, ihm hat jedenfalls kein Pinsel gefehlt, sie hat ihm nichts geflaucht – wie Graf Harrach sich seinerzeit ausgedrückt hatte.

London, 15. Jänner 1893 Meine geliebte Stube!

… Nächste Woche bin ich wieder in Windsor Castle. Da ich nach und nach älter werde, glaubte ich, jedesmal, nun ist es das letzte Mal, vielleicht behalte ich diesmal recht. Gott beschütze Dich, mein Engel. Unzählige Küsse sendet Dir Dein treuer Heinrich

Windsor Castle, 21. Juni 1893 Meine geliebte Stube!

Nun sitze ich wieder in Windsor Castle in meinen alten Räumen. Es ist jetzt 18 Jahre, dass ich das erste Mal hier war. Alles ist älter geworden, der Königin geht es mit dem Gehen recht schlecht, selbst der Stock den sie als Stütze hat, nützt ihr nicht mehr viel.

Um 1/2 1 Uhr bin ich angekommen, und nachdem ich mein Atelier hergerichtet hatte, ging ich zum Lunchen. Alles Bekannte, doch grau geworden. Nach dem Frühstück hatte ich eine Sitzung. Die Prinzessin sitzt recht gut, aber auch sie ist etwas dick geworden. Die Königin war die ganze Zeit zugegen. Morgen und übermorgen wird fest gearbeitet. Dann verbringe ich wieder ein paar Tage in London. Gottlob hat es sehr abgekühlt, es hat heute eine herrliche Luft, dadurch wird die Eisenbahnfahrt ganz angenehm. Vick schrieb mir, dass sie schon am 6. Juli auf Urlaub gehen können. Ob ich da schon in Wien werde sein können? Ich glaube kaum, was wirst Du da, mein Liebling, beschließen?

Da ich wünsche, dass diese Zeilen noch heute an Dich abgehen, muss ich schließen. Mit 1000 Küssen umarmt Dich Dein alter Heinrich

Diese Zeilen erinnerten Angeli mit einiger Wehmut an sein Atelier im Schloss Windsor, das er lieber hatte als das zweite Atelier im Buckingham Palace. Hier war’s um vieles gemütlicher, besonders auch weil die Königin es gern aufsuchte. Sie wollte, auch wenn er sie gerade nicht malte, unterhalten werden und wünschte sich Anekdoten aus seinem Leben, wie es am Zarenhof war, in Potsdam, in Wien, oder Erzählungen von seinen Reisen und von seiner Familie.

Bei ansonsten bewundernswertem Gedächtnis war der Queen seltsamerweise bald nicht mehr erinnerlich, dass sie 1877 die Patenschaft seines Sohns Viktor, selbstverständlich in Abwesenheit, übernommen hatte. Vielleicht hatte sie einfach schon zu viele Patenkinder.

Manchmal sagte er sich, dass sie an ihm so was wie einen Narren gefressen hatte, wie denn sonst hätte er sich zum Beispiel erlauben dürfen, ihre mehrreihige Perlenkette in der Faltenlandschaft ihres Mehrfachkinns neu zu arrangieren, weil sich einige Schnüre in den, wie er sich ausdrückte, ‚Schnozerln‘ versteckt hatten. Dieser Ausdruck missfiel ihr gar nicht, sondern war für sie eine amüsante Bereicherung des von ihm erlernten Wiener Wortschatzes.

Wann genau die Königin von ihm ein Selbstporträt für ihre Galerie in Osborne wünschte, wusste er nicht mehr. Sie fand ihn darauf sehr gut getroffen, was sie ihm brieflich mitteilte und dabei fragte, wie viel sie dafür schulde. Angeli schrieb zurück, dass es ihm zur Ehre gereiche, ihr das Porträt zu schenken. Worauf der Oberhofmeister ihn wissen ließ, Ihre Majestät bedankt sich für das Geschenk, werde sich aber nicht revanchieren. Er solle wissen, dass er zu den sehr wenigen Menschen gehöre, von denen Ihre Majestät je ein Geschenk angenommen habe.

Umgekehrt hat sie Angeli jedes Jahr im Übermaß beschenkt. Schönen Schmuck für Bertha, einen silbernen Becher für Viktor anlässlich seiner Taufe, zwei schwere silberne Tafelleuchter, eine Garnitur Silberbesteck, dann die wertvolle Kutschenuhr, über die der Uhrmacher Schmollgruber sagte, sie sei ein rares Sammlerstück.

Einmal gab sie ihm mit

auf die Rückreise nach Wien einen kunstvollen Paravent, aufgezogen auf Kalbsleder, darauf geprägt die königlichen Insignien samt der Devise des Hosenbandordens ‚Honi soit qui mal y pense‘. Bertha war von diesen Geschenken viel mehr beeindruckt als von den hohen Honoraren. Nur mit dem Paravent wusste sie nicht viel anzufangen.

London, 25. Juni 1893 Meine geliebte Stube!

Aus der Privatwohnung hierher zog ich, als ich abreiste und im Haus kein Mensch mehr war, der auch nur etwas deutsch oder französisch verstand und ich mich daher unbehaglich gefühlt hätte. Übrigens muss es, als die Hitze so groß war, dort kaum auszuhalten gewesen sein. Und jetzt ist es direkt kalt geworden. Ich weiß nicht, ob mir die Hitze nicht beinahe lieber gewesen ist.

Gestern ging ich im Hotel in die Frisierstube, denk Dir, da erkannte mich der Friseur, der mich am Kärntnerring, als wir ganz jung verheiratet waren, bediente. Er erinnerte sich auch all meiner Bilder, die ich damals malte. Die Haare fand er freilich nicht mehr. Aber ich freute mich doch, dass er mich, als er mich sah, sogleich erkannte, nach 26 Jahren! Er rasiert und frisiert gut, und so hab’ ich ihn zu meinem Leibfriseur ernannt …

London, 4. Juli 1899 Meine geliebte Stube!

Heute ist Dein lieber Namenstag, zu welchem ich Dir meinen herzlichsten Glückwunsch darbringe. Das Bild der Königin, welche mir heute zum letzten Mal saß, wird von allen sehr bewundert und als das beste, was je von ihr gemalt wurde, anerkannt.

Morgen sitzt hier die Prinzessin Margarethe zum letzten Mal, dann habe ich an beiden Bildern nur noch nebensächlich zu tun …

… Ob ich wohl die Königin zu ihrem 90. Geburtstag nochmals malen werde? Das sollte dann wohl das allerletzte Bild sein, was ich von der ausgezeichneten Frau malen dürfte. Wer weiß?

Er war stolz auf dieses Gemälde, ein chef d’œuvre konnte er sich sagen, ein Bild, wie es sich die Königin wünschte, ganz so wie das allererste, das Angeli 1875 von ihr gemalt hatte. Er musste sie erst gar nicht wie damals fragen: „Majestät, soll ich ein Staatsbild malen oder so wie Sie sind?“ Sie hätte ihm wieder, ohne eine Miene ihres strengen Gesichts zu verziehen, anbefohlen: „Malen Sie mich so, wie ich bin.“ Das war sie! Nichts ließ sie sich vormachen, weil sie sich selber auch keinen Illusionen hingab, schon gar nicht über ihr Äußeres.

Das Oberhofmeisteramt bezahlte ihn für dieses Bild ungewöhnlich gut und zusätzlich verdiente er einen weiteren hohen Betrag für sein Einverständnis der abertausendfachen Reproduktion als Lithografie, die in jeder Amtstube des Empire an der Wand hängen sollte. Auf jedem Druck der deutliche Hinweis: H. v. Angeli. Na, wie hätt’ der gute, alte Winterhalter gestaunt!

Buckingham Palace, 19. Juli 1899 Meine geliebte Stube!

Lord Kitchener ist gemütlich, sitzt ausgezeichnet, kann ein bißchen deutsch und ist famos zu malen, was will ich noch mehr. Dabei ist er noch dazu ein ganz charmanter Mann. Wie gern wäre ich Sonntag bei Euch gewesen. Ich liebe es so sehr, wenn die ganze Familie beisammen ist.

Samstag habe ich die letzte Sitzung von dem edlen Lord, Sonntag früh werde ich – endlich – abreisen. In C. werde ich übernachten und von dort direkt nach Gmunden fahren . . .

… Ich will doch 6 Wochen in Gmunden bleiben.Von hier bringe ich 20.000 Gulden mit, gar nicht schlecht. Außerdem hoffe ich noch ein ganz gutes Geschäft mit der Vervielfältigung des Bildes der Königin zu machen.

Die Hitze ist fürchterlich. Zum Glück geht abends ein Lüftchen. Ob Du mir wohl noch einen Brief schreiben wirst? Gott behüte Dich mein Engel. Ich umarme Dich und küsse Dich in treuer Liebe, Dein Heinerl

Nun bündelte Angeli alle diese Briefe aus England und dachte beim Verschnüren an die seinerzeitige Sommerfrische in Gmunden. Meiner Seel’, dachte er, das Haus und der Garten am Traunsee, wie lang das auch schon wieder zurücklag! Bertha wollte ja am liebsten weiter in der Villa Norwood, bei den Miller-Aichholz bleiben, wo man über den Juli und August sehr elegant eingemietet war. Aber die Buben, der Fonso und der Vik, waren fürs Wasser, wollten schwimmen und segeln. Als im Jahr ’99 Onkel Georg Angeli seine Villa auf der Toscana-Halbinsel, direkt am See nicht mehr länger halten wollte, kaufte er sie ihm samt der Bootshütte ab. Die Jugend war begeistert, die zwei Großen schrieben sich sofort im neu gegründeten Yacht-Club Gmunden ein. Schade nur, dass sich Bertha in diesem Sommerdomizil nie wohlfühlte. Am Haus hatte sie vielerlei auszusetzen, immer war es ihr zu feucht, zu knapp am Wasser. Dabei hätte die Lage nicht schöner und sonniger sein können. Im Rücken die Villa Toscana, zur Linken das malerische Schloss Orth und gegenüber der mächtige Traunstein. Wenn er zur Villa Toscana hinaufstieg, konnte er an der Südseite den Spruch lesen:

‚DEUS NOBIS HAEC OTIA FECIT (Ein Gott hat uns diesen Ruheplatz gemacht).

Doch gibt es auch einen anderen Spruch: „Dies Haus ist mein und doch nicht mein . . .“ Der Alfons hatte nach Bayern geheiratet, wo’s genug schöne Seen gibt, und der Viktor wurde nach Dalmatien versetzt und hat die Sommerferien halt lieber am Meer verbracht. So war er ein paar Jahre mit Bertha allein am See, bis Viktor nach Kirchdorf versetzt wurde, einen Katzensprung von Gmunden. Er war mit seiner Familie dann viel am Traunsee und, genauso wie seine drei Buben, vernarrt ins Haus und in den Platz. Aber wie’s im ‚Lied von der Glocke‘ heißt: „Mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten“, traf sie im Sommer ’14 das Unglück, der plötzliche Tod von Viktor. Ein paar Monate danach ist die arme Bella mit den Buben nach Baden übersiedelt. Weil Gustl, der nun Einzige seiner drei Söhne, immer schon lieber in der Reichenau war, blieb ihm nichts anderes übrig, als das ihm so lieb gewordene ‚Tusculum Trunseo‘, wie er’s immer nannte, zu verkaufen. Es wär’ nicht dafür gestanden, einen weiteren Haushalt

nur für sie beide und die paar Wochen im Sommer zu halten. Was Bertha begrüßte, war für ihn ein sehr schmerzlicher Abschied.